Deutsch oder Dänisch oder beides? Die Grenzland-Identität

Foto: © dk-ferien

Was ist eigentlich Nationalität? Wer bestimmt, was landestypisch ist, welche Sprache gesprochen wird? Normalerweise bestimmen Grenzen zumindest auf dem Papier, wo ein Landesgebiet liegt. Aber was ist, wenn es trotz der Landesgrenzen nicht eindeutig ist, zu welchem Staat man eigentlich gehört? Wenn die Sprache, die man spricht, im Grunde nicht die Landessprache darstellt, aber geschichtlich mit der Region tief verwurzelt ist? Wenn Gebräuche und Traditionen eigentümlich sind, aber nichts mit dem Land zu tun haben? Das Schleswig-Holsteinische Grenzland ist so ein Gebiet, welches heute noch eine bewegte Vergangenheit zu verarbeiten hat, die weit mehr beeinflusst als die Grenze zwischen Deutschland und Dänemark.

Ein Artikel über den Spagat zwischen zwei Ländern und die Suche nach einer gemeinsamen Identität.

Wer hat’s erobert? Die Wikinger!

Schleswig-Holstein, unser nördlichstes Bundesland, war stets ein Sammelbecken ganz unterschiedlicher Völker und Stämme – Germanen, Angeln, Sachsen, Slawen, Poleben, Sueben… die Liste scheint schier unendlich zu sein. Der Großteil Schleswig-Holsteins liegt wie das dänische Festland auf der Kimbrischen Halbinsel, die sich von der Elbmündung nördlich von Hamburg bis nach Grenen, dem nördlichsten Punkt Dänemarks, erstreckt.

Eine geografische Gemeinsamkeit mag das nun zwar sein; hat aber auf Grund der stetigen Völkerwanderung keinerlei Einfluss auf die Ausbildung unterschiedlicher Kulturen, Sprachen und Lebensweisen gehabt. So konnten sich auf einer zusammenhängenden Landmasse beinahe autark voneinander germanische Stämme entwickeln, und auch die Wikinger, die nordischen Händler und Krieger, konnten immer mehr erst dieses Gebiet und dann auch die restliche Welt für sich entdecken.

Denn während die germanischen Stämme, zumindest die meisten, lieber sesshaft wurden, Siedlungen gründeten und ihre kulturellen Ansichten vertieften, zogen die Nordmannen aus, alle Kontinente zu erobern. Da war es natürlich ein Leichtes, sich auch so einige Teile des nahegelegenen Schleswig-Holsteins unter den Wikingernagel zu reißen. Besonders das nördliche Gebiet des Landes, heutzutage Nordschleswig oder Südjütland genannt, wurde zum Ausbau des nordischen Reiches genutzt. Besonders erwähnenswerte Zeugen dieses Vormarsches sind mit Sicherheit die wichtigste Handelsstadt namens Haithabu und die Grenzbefestigungsanlage Danewerk.

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Auch heute noch sind die Dänen begeisterte Seeleute. – Foto: © dk-ferien

Krieg und Frieden im Grenzland

Das oben Beschriebene ereignete sich zentriert im 7. – 11. Jahrhundert; und es wäre leider ziemlich naiv zu glauben, dass die weitere Entwicklung friedlich von statten ging. Denn so war es ganz gewiss nicht, dafür war das Gebiet viel zu umkämpft von machthungrigen Königen, ehrgeizigen Fürsten und strebsamen Regenten. Wenn ich mir vorstelle, dass manchmal innerhalb eines Jahres der Name des Herrschers wechselte, der das Zepter in der Hand hielt, ich wäre auch ziemlich verunsichert gewesen. Und wenn dann auch noch munter zwischen deutscher und dänischer Zugehörigkeit gewechselt wurde, dann war die Verwirrung mit Sicherheit komplett.

In den weiteren Jahrhunderten, besonders im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit, ereigneten sich immer wieder kleine Streitigkeiten innerhalb der Bevölkerung, die ausgelöst wurden durch den stetigen Machtwechsel in der Region. Da die Königshäuser Dänemarks und Deutschlands eng miteinander verwandt waren, vermischten sich die Zuständigkeiten eh schon ziemlich; das führte im Grenzland aber dazu, dass keine eindeutige Nationalität und Identität ausgebildet werden konnte. Als Bürger dieser Region war man weder Deutsch noch Dänisch. Und als dann auch noch Schweden Ansprüche an deutschen Gebieten und speziell am Grenzland geltend machen wollte, eskalierte die Situation auch hier in diversen Kriegen.

Obwohl im Jahr 1460 im Freiheitsbrief zu Ripen (das ist die deutsche Bezeichnung für die südjütische Stadt Ribe) feierlich über Schleswig-Holstein verkündet wurde: „dat se bliven ewich tosamende ungedelt“, was auf Hochdeutsch bedeutet, dass die beiden Herzogtümer auf ewig ungeteilt sein mögen, war eitel Sonnenschein leider dennoch nicht an der Tagesordnung. Zwar bemühte sich auch die Bevölkerung im Grenzland um Normalität, den Aufbau und Ausbau von Handelsstädten sowie Schaffung eines besseren Nationalbewusstseins, aber die ständigen Machtkonflikte beider Herrscherländer machten auch den Alltag mürbe.

Schließlich entluden sich all die Spannungen und Anstrengungen, zum Beispiel die der Eiderdänen, lediglich Schleswig und nicht Holstein an Dänemark zu binden, im Deutsch-Dänischen Krieg im Jahr 1864. Preußen und Österreich besiegten Dänemark damals überlegen, sodass die Herzogtümer von dem nordischen Königreich an die Siegermächte abgetreten werden mussten.

Der Dom zu Ribe stand auch schon im Jahr 1460 in der Stadt. - Foto: © dk-ferien

Der Dom zu Ribe stand auch schon im Jahr 1460 in der Stadt. – Foto: © dk-ferien

Der Kampf der Minderheiten

Nach dem Ende des Deutsch-Dänischen Krieges gehörten die Herzogtümer somit ab sofort zum preußischen Königreich und die deutsche Sprache, Kultur sowie Bildung zogen auch in den südjütischen Teil Dänemarks ein. Darüber waren viele Dänen unglücklich, denn sie fühlten sich in dem plötzlich vorherrschenden Deutschtum nicht angenommen; es muss ihnen wohl wie ein bitteres Ultimatum vorgekommen sein, was ihre nationale Identität anging.

Wie unglücklich die Dänen im Herzogtum Schleswig gewesen sein mussten, zeigte sich schließlich im Jahr 1920 nach Beendigung der preußischen Herrschaft in Schleswig-Holstein – in einer Abstimmung zur Zugehörigkeit des nördlichen Schleswigs wurde mit fast absoluter Mehrheit für Dänemark gestimmt. Dadurch wurde eine neue Landesgrenze gezogen, die Dänemark ein möglichst großes Gebiet zuteilte und die Region Nordschleswig war geboren, welche sich bis zur Gebietsreform 2007 mit der Region Sønderjylland deckte.

Nach der Grenzziehung blieben auf beiden Seiten unterschiedlich große Minderheiten zurück; und nicht wenige Deutsche wählten das nun wieder dänisch gewordene Gebiet Nordschleswig auch weiterhin als ihre Heimat. Wie die dänische Minderheit auf der deutschen Seite des Grenzlandes organisierte sich auch die deutsche Minderheit in Dänemark in einem Verbund, der den Belangen und Bedürfnissen dieser Bevölkerung einen besonderen Stellenwert in der jeweiligen Verfassung sicherte.

Der „Bund Deutscher Nordschleswiger“ ist diese Organisation für die deutschgesinnten Bewohner in Südjütland, wie das Gebiet im Dänischen genannt wird. Durch ihn wurde der Bau deutscher Kindergärten und Schulen vorangetrieben und es gibt eine eigene Tageszeitung mit dem Namen „Der Nordschleswiger“. Es bestehen einige kulturelle Vereine, die sich mit deutschen Traditionen und Gebräuchen beschäftigen, auch Sportverbände wurden gegründet und ein eigener Gottesdienst wird regelmäßig abgehalten. Auch das Besuchen des geschichtsträchtigen „Gendarmstien“, einem Wanderweg inmitten des Grenzlandes, wird gerne zu mehreren unternommen. In vielen Haushalten der „deutschen Volksgruppe“, wie die Minderheit sich selber bevorzugt nennt, wird Deutsch tatsächlich als Hauptsprache genutzt; allerdings gibt es auch hier im Grenzland Schleswig-Holsteins wieder eine Besonderheit.

Der Gendarmstien diente einst zur Grenzüberwachung. - Foto: © dk-ferien

Der Gendarmstien diente einst zur Grenzüberwachung. – Foto: © dk-ferien

Sønderjysk – viel mehr als nur ein Dialekt

Wenn wir eine Sprache sprechen, dann gehören wir doch meistens zu dem Land, dessen Muttersprache diese ist – so ist es wohl in den meisten Fällen. Im Grenzland Schleswig-Holstein gibt es jedoch eine Ausnahme, die sich „Sønderjysk“ nennt, also Südjütländisch. Oftmals, und das kenne ich aus eigener Erfahrung dank meiner dänischen Familie, die aus diesem Gebiet stammt, wird diese Form der dänischen Sprache gerne als „Bauerndänisch“ belächelt oder als wohlwollende Dialektik betrachtet. Dabei ist Sønderjysk so viel mehr, als es auf den ersten Blick scheint: es ist quasi der Indikator einer ganz eigenen Identität.

Es ranken sich viele Mythen um die Entstehung dieser Mundart, die heutzutage wie das Plattdeutsche als eigene Sprache anerkannt ist. Die eigentümliche Handhabe des Voranstellens des Artikels (was in den skandinavischen Sprachen sonst nicht gegeben ist), die teilweise sehr harte Aussprache wie einen „ch“-Laut und die Nutzung altskandinavischer Ausdrücke macht das Südjütländische innerhalb des Nordgermanischen einzigartig. Auch ist die Vielfalt – es gibt eine südjütische Flektion in Haderslev, Angeln, Nordfriesland, auf Rømø und Als – sehr bezeichnend; und wird auf beiden Seiten des Grenzlandes genutzt.

„Æ snakke synnejysk“ – diese Aussage trifft man sowohl bei der deutschen als auch der dänischen Minderheit an und bedeutet „Ich spreche Südjütländisch“. Heute ist anerkannt, dass die südjütische Sprache keinem Land eindeutig zuzuordnen ist und gerade dieser Aspekt adelt das Sønderjysk noch einmal zusätzlich. Denn auch wenn die dänische Minderheit in Südschleswig Hochdänisch oder vielleicht sogar Plattdeutsch spricht und die deutsche Minderheit in Nordschleswig ihren Kindern Hochdeutsch oder noch das Nordschleswiger Platt beibringt, eine Sprache verstehen beide Seiten: Sønderjysk. Und so kommt es, dass sich durch eine Sprache ein ganz eigener Stolz und eine Verbundenheit über Landesgrenzen hinweg entwickelt haben.

Die sønderjyske Sprache hat die geistigen Mauern des Grenzlandes eingerissen. Symbolisch zu betrachten bei der Trøjborg Schlossruine. - Foto: © dk-ferien

Die sønderjyske Sprache hat die geistigen Mauern des Grenzlandes eingerissen. Symbolisch zu betrachten bei der Trøjborg Schlossruine. – Foto: © dk-ferien

Und was verbindet, das ist die Sprache

So eint das Südjütländische also eine Bevölkerung, die über Jahrhunderte hinweg immer wieder mit einer Identitätskrise konfrontiert wurde und der man nie eine richtige Nationalität zuordnen konnte. Es ist eine alte Sprache, gewachsen aus ganz unterschiedlichen Einflüssen, die sich nicht festlegen ließ und sich an keine Landesgrenze hielt, wo auch immer man diese setzte; es ist die Sprache einer ganz eigenen und sehr stolzen Bevölkerung, die sich glücklich schätzt, sich auf eine einzigartige Weise miteinander unterhalten zu können. Und diese Sprache ist schwer, ich versuche mich immer noch daran, wenigstens halbwegs ein wenig Smalltalk auf Sønderjysk führen zu können (was nach wie vor für Belustigung auf Familienfesten sorgt).

Zu dieser ganz eigenen Verbundenheit fällt mir noch eine recht lustige Anekdote ein: der Vater meiner dänischen Tante, den ich ebenfalls „Morfar“, also Opa, nennen darf, war einmal auf Tour durch das dänische Königreich. In der Nähe von Skagen stand er dann an einem Hafen und wollte eine Zigarette rauchen; allerdings hatte er kein Feuerzeug dabei. Daher fragte er einen der Fischer, ob er ihm wohl Feuer geben könnte. Daraufhin kamen die beiden Männer ins Gespräch und der Fischer fragte „Opa“ woher er denn komme; ein Däne könne er auf Grund seines Dialekts ja wohl kaum sein. Die Beleidigung saß tief, denn gerade in Südjütland ist man sehr stolz auf seine Herkunft, ob auf der dänischen oder deutschen Seite. Die Zigarette war daher auch ziemlich schnell geraucht und die Begegnung sollte einmalig bleiben.

Einer der besten Freunde von Morfar ist übrigens ein deutscher Mann namens Claus aus Nordschleswig – und die tollsten und besten Gespräche führen die beiden seit über 40 Jahren auf Sønderjysk.

Auch heute noch erblüht Sønderjysk im Grenzland in voller Gänze. - Foto: © dk-ferien

Auch heute noch erblüht Sønderjysk im Grenzland in voller Gänze. – Foto: © dk-ferien

 

 

2 comments on “Deutsch oder Dänisch oder beides? Die Grenzland-Identität

  1. J. Mohr on

    Sehr schön geschrieben. Ja es ist ein toller Landstrich Zwischen der BRD und Südjütland! Die Menschen und das Land.

    So ähnlich die Landschaften auch in dieser Region sind, die Dörfer, Städchen und Strassen haben in DK einfach etwas anderes.

    Schön!

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