Vom Pferdemädchen zur Robbenflüsterin

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Oder besser die Geschichte von einer Regenwurmaufsammlerin zu einer Meeresbiologin. Schon als kleines Kind war ich von Tieren besessen. Ich wollte alles über sie wissen und lag meinen Eltern, leider vergebens, jahrelang in den Ohren, dass ich unbedingt ein Haustier haben wolle. Alles, was so kreucht und fleucht, wurde von mir unter die Lupe genommen und erst wieder ausgesetzt, wenn Mama es wirklich nicht mehr in der Wohnung sehen wollte. Zurückblickend kann ich sagen, dass genau dieses abweisende Verhalten meiner Eltern mich dazu gebracht hat, Tiere als das Nonplusultra zu sehen.

Das Glück der Erde und der Tierarzt-Traum

Nachdem ich aus dem Schnecken- und Regenwurm-Alter heraus war, wurde ich wie knapp 99 Prozent aller Mädchen ein Pferdenarr. Das weinerliche Nachfragen nach Haustieren hatte ich zu dieser Zeit erst einmal beiseitegelegt. Aber was nicht Zuhause wohnen darf, kann man doch wenigstens woanders lieb haben. Im Großen und Ganzen hieß das für mich 7 Jahre wöchentlicher Reitunterricht.

Passend zu meiner Passion für Tiere wollte ich natürlich… Tierärztin werden. Nach harten Jahren an den Schulen, und das teilweise sogar mit Bestnoten im Jahrgang, hatte mich die Realität nach dem Abitur leider eingeholt und ein Veterinäramtsstudium war mir leider nicht vergönnt. Nach Jahren mit der festgesetzten Vorstellung vom Traumberuf geriet ich für kurze 5 Minuten in Panik und wusste nicht mehr, was ich mit meinem Leben anstellen soll…. Ich und keine Tierärztin…. unmöglich. Aber naja, die Panik hatte sich gelegt und ich wurde an 8 Universitäten für das Biologiestudium angenommen. Nach einigem Hin und Her habe ich mich für die Universität zu Köln entschieden. Ein nagelneu errichtetes Biozentrum konnte doch nicht allzu verkehrt sein, oder?!

Blauer Himmel, Strand und Meer; hier müsste man Robbe sein! – Foto: © Annika Toth

Blauer Himmel, Strand und Meer; hier müsste man Robbe sein! – Foto: © Annika Toth

Ohne Fleiß kein Preis, aber die Mühe lohnt sich

Die 6 Semester waren eine laaaange und holprige Achterbahnfahrt der Gefühle. Viele nette Menschen kennengelernt, viel Interessantes erlebt und erlernt, aber es gab auch die Momente, und mit Momenten meine ich jegliche Form von Chemie (Organische Chemie, Anorganische Chemie und Biochemie) und Physik, da wollte ich mein Studium einfach nur noch hinschmeißen und einen „vernünftigen“ Beruf erlernen. Naja, ohne Tiefen kann es kein Hoch geben. Also Krone richten und weitermachen.

Kurz vor dem Ende meines Bachelorstudiums musste ich mir darüber klar werden, wie es für mich weitergehen sollte… Einen Beruf einschlagen oder weiterstudieren? Wenn man sich einmal an den Stress eines Studiums gewöhnt hat, mag man ihn irgendwo auch nicht mehr missen. Also stand die Entscheidung fest, ein Masterstudium musste her.

Nach 23 erfolgreich überstandenen Jahren meines Lebens kommt nun der Punkt, warum ich überhaupt diesen Blog-Beitrag schreiben darf. Aber bevor ich mit dem „Wieso Weshalb Warum“ anfange, muss ich einen kleinen Umweg über Italien gehen und wieder einmal meinen Eltern die Schuld in die Schuhe schieben.

Der respektvolle Umgang mit Robben sollte schon den kleinsten Erdenbürgern beigebracht werden. – Foto: © Annika Toth

Der respektvolle Umgang mit Robben sollte schon den kleinsten Erdenbürgern beigebracht werden. – Foto: © Annika Toth

Was Schnorcheln in Italien mit Dänemark zu tun hat

Als Ruhrpottkind wurde jeglicher Urlaub im wunderschönen Sauerland, genauer gesagt in Winterberg, verbracht. Wie der Name schon sagt, ist es so ungefähr das genaue Gegenteil von Meer, Strand und Meeresrauschen. Um diese Meeres-Defizite auszugleichen, war ich schon immer eine kleine Wasserratte und fühlte mich umgeben von Wasser am wohlsten. Ein Jahr vor meinem Uni-Abschluss entschied ich mich also, für 2 Monate nach Italien zu gehen und dort im Institut für marine Biologie ein bisschen Meeresbiologen-Luft zu schnuppern. Nach unzähligen Schnorchel- und Tauchtouren sowie dem Unterrichten in Meeresbiologie war ein weiterer Meilenstein gelegt und ich wusste, worauf ich mich später spezialisieren möchte.

Nun kommen wir zum eigentlichen Thema, nämlich „Dänemark“. Nach einigen unvergesslichen Urlauben im gelobten Land war diese eine Entscheidung leicht gefallen.  Was ein bisschen als Schnapsidee anfing, endete damit, dass ich mein weiterführendes Studium in Dänemark fortführen würde. Genauer gesagt an der „Syddansk Universitet“ in Odense. Viele Leute träumen vom Auswandern und ich stand nun vor der größten Entscheidung meines jungen Lebens. Auswandern??? Ich??? Ja gut, Zähne zusammenbeißen und ab nach Dänemark.

Eine Robbe gibt Trainerin einen Kuss auf die Nase

Kaum zu glauben, aber auch hinter diesem liebevollen Robbenkuss steckt jahrelanges Training. – Foto: © Annika Toth

Kulleraugen machen noch lange kein Kuscheltier

Jetzt sind es schon 600 Wörter und das Wort „Robbe“ taucht noch kein einziges Mal auf. Vielleicht war es nur ein Tippfehler und ich meinte Doggenflüsterin? Nein, absolut nicht! Mit der Entscheidung, ein neues Leben in Dänemark anzufangen, hat sich meine Passion für Tiere auf ein neues Level gesteigert. Als ehrenamtliche Helferin durfte ich zwei Jahre lang an der Seite von tollen Wissenschaftlern unsere zwei männlichen Kegelrobben, Nino und Oskar, betüddeln, pflegen und trainieren. Wer träumt nicht davon, diesen kuscheligen Riesen mit den großen Kulleraugen näherzukommen? Ganz genau… Jeder!

Hier kommen wir an einen Punkt, der mir ganz besonders wichtig ist. Robben sehen wirklich entzückend aus. Aber das ist auch meist das Einzige, was sie mit unseren geliebten Tiere Zuhause gemeinsam haben. Das auf dem Bauch rutschende Kindchenschema kann nämlich auch ganz andere Saiten aufziehen. Zwar in Zoos geboren, verlieren solche Tiere nie ihren Ursprung und bleiben, trotz aller Niedlichkeit, wilde Tiere. Mit viel Training, Liebe und Hingabe werden aus ihnen tolle Arbeitskollegen, allerdings nie Kuscheltiere. Obwohl beide in Gefangenschaft geboren wurden, können sie es nicht leiden, angefasst zu werden. Den Umgang, den wir mit ihnen haben, basiert auf jahrelangem Training und gegenseitigem Vertrauen. Vorsicht ist besser als Nachsicht. Doofer Spruch, aber in den zwei Jahren, in denen ich mit den Jungs arbeiten durfte, habe ich ihnen nicht ein einziges Mal den Rücken zugedreht. Vielleicht gibt dieser Umstand dem einen oder anderen eine Idee, wie es mit wilden Tieren zugehen kann.

annika_toth_autorenfoto_202Mit der Liebe zu Tieren fing alles an. Nun lebt und arbeitet die Meeresbiologin Annika Toth aus Dortmund, geb. 1991, in Dänemark.

 

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