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Vom Pferdemädchen zur Robbenflüsterin

Oder besser die Geschichte von einer Regenwurmaufsammlerin zu einer Meeresbiologin. Schon als kleines Kind war ich von Tieren besessen. Ich wollte alles über sie wissen und lag meinen Eltern, leider vergebens, jahrelang in den Ohren, dass ich unbedingt ein Haustier haben wolle. Alles, was so kreucht und fleucht, wurde von mir unter die Lupe genommen und erst wieder ausgesetzt, wenn Mama es wirklich nicht mehr in der Wohnung sehen wollte. Zurückblickend kann ich sagen, dass genau dieses abweisende Verhalten meiner Eltern mich dazu gebracht hat, Tiere als das Nonplusultra zu sehen.

Das Glück der Erde und der Tierarzt-Traum

Nachdem ich aus dem Schnecken- und Regenwurm-Alter heraus war, wurde ich wie knapp 99 Prozent aller Mädchen ein Pferdenarr. Das weinerliche Nachfragen nach Haustieren hatte ich zu dieser Zeit erst einmal beiseitegelegt. Aber was nicht Zuhause wohnen darf, kann man doch wenigstens woanders lieb haben. Im Großen und Ganzen hieß das für mich 7 Jahre wöchentlicher Reitunterricht.

Passend zu meiner Passion für Tiere wollte ich natürlich… Tierärztin werden. Nach harten Jahren an den Schulen, und das teilweise sogar mit Bestnoten im Jahrgang, hatte mich die Realität nach dem Abitur leider eingeholt und ein Veterinäramtsstudium war mir leider nicht vergönnt. Nach Jahren mit der festgesetzten Vorstellung vom Traumberuf geriet ich für kurze 5 Minuten in Panik und wusste nicht mehr, was ich mit meinem Leben anstellen soll…. Ich und keine Tierärztin…. unmöglich. Aber naja, die Panik hatte sich gelegt und ich wurde an 8 Universitäten für das Biologiestudium angenommen. Nach einigem Hin und Her habe ich mich für die Universität zu Köln entschieden. Ein nagelneu errichtetes Biozentrum konnte doch nicht allzu verkehrt sein, oder?!

Blauer Himmel, Strand und Meer; hier müsste man Robbe sein! – Foto: © Annika Toth

Blauer Himmel, Strand und Meer; hier müsste man Robbe sein! – Foto: © Annika Toth

Ohne Fleiß kein Preis, aber die Mühe lohnt sich

Die 6 Semester waren eine laaaange und holprige Achterbahnfahrt der Gefühle. Viele nette Menschen kennengelernt, viel Interessantes erlebt und erlernt, aber es gab auch die Momente, und mit Momenten meine ich jegliche Form von Chemie (Organische Chemie, Anorganische Chemie und Biochemie) und Physik, da wollte ich mein Studium einfach nur noch hinschmeißen und einen „vernünftigen“ Beruf erlernen. Naja, ohne Tiefen kann es kein Hoch geben. Also Krone richten und weitermachen.

Kurz vor dem Ende meines Bachelorstudiums musste ich mir darüber klar werden, wie es für mich weitergehen sollte… Einen Beruf einschlagen oder weiterstudieren? Wenn man sich einmal an den Stress eines Studiums gewöhnt hat, mag man ihn irgendwo auch nicht mehr missen. Also stand die Entscheidung fest, ein Masterstudium musste her.

Nach 23 erfolgreich überstandenen Jahren meines Lebens kommt nun der Punkt, warum ich überhaupt diesen Blog-Beitrag schreiben darf. Aber bevor ich mit dem „Wieso Weshalb Warum“ anfange, muss ich einen kleinen Umweg über Italien gehen und wieder einmal meinen Eltern die Schuld in die Schuhe schieben.

Der respektvolle Umgang mit Robben sollte schon den kleinsten Erdenbürgern beigebracht werden. – Foto: © Annika Toth

Der respektvolle Umgang mit Robben sollte schon den kleinsten Erdenbürgern beigebracht werden. – Foto: © Annika Toth

Was Schnorcheln in Italien mit Dänemark zu tun hat

Als Ruhrpottkind wurde jeglicher Urlaub im wunderschönen Sauerland, genauer gesagt in Winterberg, verbracht. Wie der Name schon sagt, ist es so ungefähr das genaue Gegenteil von Meer, Strand und Meeresrauschen. Um diese Meeres-Defizite auszugleichen, war ich schon immer eine kleine Wasserratte und fühlte mich umgeben von Wasser am wohlsten. Ein Jahr vor meinem Uni-Abschluss entschied ich mich also, für 2 Monate nach Italien zu gehen und dort im Institut für marine Biologie ein bisschen Meeresbiologen-Luft zu schnuppern. Nach unzähligen Schnorchel- und Tauchtouren sowie dem Unterrichten in Meeresbiologie war ein weiterer Meilenstein gelegt und ich wusste, worauf ich mich später spezialisieren möchte.

Nun kommen wir zum eigentlichen Thema, nämlich „Dänemark“. Nach einigen unvergesslichen Urlauben im gelobten Land war diese eine Entscheidung leicht gefallen.  Was ein bisschen als Schnapsidee anfing, endete damit, dass ich mein weiterführendes Studium in Dänemark fortführen würde. Genauer gesagt an der „Syddansk Universitet“ in Odense. Viele Leute träumen vom Auswandern und ich stand nun vor der größten Entscheidung meines jungen Lebens. Auswandern??? Ich??? Ja gut, Zähne zusammenbeißen und ab nach Dänemark.

Eine Robbe gibt Trainerin einen Kuss auf die Nase

Kaum zu glauben, aber auch hinter diesem liebevollen Robbenkuss steckt jahrelanges Training. – Foto: © Annika Toth

Kulleraugen machen noch lange kein Kuscheltier

Jetzt sind es schon 600 Wörter und das Wort „Robbe“ taucht noch kein einziges Mal auf. Vielleicht war es nur ein Tippfehler und ich meinte Doggenflüsterin? Nein, absolut nicht! Mit der Entscheidung, ein neues Leben in Dänemark anzufangen, hat sich meine Passion für Tiere auf ein neues Level gesteigert. Als ehrenamtliche Helferin durfte ich zwei Jahre lang an der Seite von tollen Wissenschaftlern unsere zwei männlichen Kegelrobben, Nino und Oskar, betüddeln, pflegen und trainieren. Wer träumt nicht davon, diesen kuscheligen Riesen mit den großen Kulleraugen näherzukommen? Ganz genau… Jeder!

Hier kommen wir an einen Punkt, der mir ganz besonders wichtig ist. Robben sehen wirklich entzückend aus. Aber das ist auch meist das Einzige, was sie mit unseren geliebten Tiere Zuhause gemeinsam haben. Das auf dem Bauch rutschende Kindchenschema kann nämlich auch ganz andere Saiten aufziehen. Zwar in Zoos geboren, verlieren solche Tiere nie ihren Ursprung und bleiben, trotz aller Niedlichkeit, wilde Tiere. Mit viel Training, Liebe und Hingabe werden aus ihnen tolle Arbeitskollegen, allerdings nie Kuscheltiere. Obwohl beide in Gefangenschaft geboren wurden, können sie es nicht leiden, angefasst zu werden. Den Umgang, den wir mit ihnen haben, basiert auf jahrelangem Training und gegenseitigem Vertrauen. Vorsicht ist besser als Nachsicht. Doofer Spruch, aber in den zwei Jahren, in denen ich mit den Jungs arbeiten durfte, habe ich ihnen nicht ein einziges Mal den Rücken zugedreht. Vielleicht gibt dieser Umstand dem einen oder anderen eine Idee, wie es mit wilden Tieren zugehen kann.

annika_toth_autorenfoto_202Mit der Liebe zu Tieren fing alles an. Nun lebt und arbeitet die Meeresbiologin Annika Toth aus Dortmund, geb. 1991, in Dänemark.

 

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Jörg Böhm „Und süß wird meine Rache sein“ – Leseprobe

Kapitel 7
Bornholm, in der Nähe von Gudhjem

Jette Jensen hatte Angst. Sehr viel Angst. Auch wenn sie nicht genau erklären konnte, woran sie dieses beklemmende Gefühl festmachen oder wie sie es näher beschreiben sollte. Die Angst war einfach da, und sie verfolgte sie bereits ihr halbes Leben lang. Wenn nicht sogar schon viel länger.
Auch heute hatte die Angst wieder völligen Besitz von ihr genommen. Schon beim Aufstehen hatte sie gespürt, dass sich ihre Gliedmaßen schwer und unbeweglich anfühlten. Als sei ihr gesamter Körper gelähmt und nicht imstande, den Befehlen des Gehirns zu gehorchen und die Traktionen der Muskeln auszuführen. Sie war so starr vor Angst gewesen, dass sie Mühe gehabt hatte, überhaupt aufzustehen. An solchen Tagen brauchte sie immer viel länger, um in die Gänge zu kommen. Wenn sie es überhaupt schaffte. Denn normalerweise verkroch sie sich dann in ihrem Bett, zog die Decke über ihren Kopf und versuchte, wieder einzuschlafen, nur um wenigstens in ihren Träumen jener Angst zu entfliehen, die bisher nur ihr tägliches Leben bestimmte.
Zumindest noch.
Auch dieser Tag war auf dem besten Wege, ein verlorener Tag zu werden. Ein Tag, den man am besten aus dem Kalender strich. Als hätte es ihn einfach nie gegeben. Es war bereits Mittag, und sie war immer noch nicht geduscht, angezogen und bereit, diesen Tag sinnvoll zu gestalten. Das Beste aus ihm zu machen.
Sie stand barfüßig und nur mit ihrem Nachthemd bekleidet am Fenster und schaute mit leerem Blick auf die Ostsee hinaus, auf der weiße Krönchen sanft auf und ab wogten. In ihrer Hand hielt sie ihren Lieblingsbecher, in dem sich noch der kalte und abgestandene grüne Tee vom Vortag befand.
Die Angst war schon so bestimmend geworden, dass sie auch an diesem Montagmorgen nicht in der Lage war, die normalsten Dinge der Welt zu erledigen. Zähne putzen, sich anziehen oder eine frische Tasse Tee aufbrühen – Jette Jensen hasste sich dafür, und doch wusste sie, dass sie nichts dagegen tun konnte. Vielleicht war es ja doch ein Fehler gewesen, dieses einsame und weit abgelegene Gut zu kaufen, dachte sie, während ihr Blick einer Seeschwalbe folgte, die sich vom Wind federleicht durch die Seeluft tragen ließ, ehe sie als immer kleiner werdender Punkt im
sattblauen Horizont aus Meer und Himmel verschwand.
Jette Jensen liebte es, wenn der Himmel ins Meer hineinlief, als würden sie sich küssen wie ein frisch verliebtes Paar. Sie liebte die changierenden Blautöne des Wassers, die jeden Tag anders aussahen. Die Wellen, die sanft dahinglitten, nur um sich wenige Stunden später wild tosend an den Klippen zu brechen. Das Rauschen, Gurgeln und Brummen des Meeres, als würde die Ostsee singen. Mal laut und donnernd, mal flüsternd und leise.
Für Jette war das Meer über die vielen Jahre, die sie jetzt hier lebte, zu einem wahren Freund geworden. Auf das Meer konnte sie sich verlassen. Wie ein treue Gefährte, der nie von ihrer Seite wich. Es gab ihr die Sicherheit, nie wirklich allein zu sein. Das Meer war eben immer da. Sommer wie Winter. Tag und Nacht.
Genau wie ihre Angst.

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Foto: © Lara Golla

Jette lebte allein auf dem Anwesen, das hoch über den Klippen und auf einem etwas vorgelagerten Plateau stand. Zu dem Hof gehörten das weiß getünchte Fachwerkhaus mit den schwarzen, markanten Holzbalken, eine kleine Scheune, auf deren Ziegeldach ein klobiger Schornstein thronte, und ein etwas abseits stehender Schafstall, dessen terrakottafarbene Ziegel seines flachen Satteldachs jetzt im Sonnenlicht schimmerten.
Wie sie wusste, hatte das Gehöft vor Urzeiten mal einer alten Bornholmer Familie gehört, die hier Schafe gezüchtet hatte. Bis Mitte der 1980er-Jahre hatte der Bauer versucht, den landwirtschaftlichen Betrieb aufrechtzuerhalten. Doch nachdem auch auf Bornholm die Landwirtschaft ihren Niedergang erlebt hatte, war der Hof von den Besitzern verlassen worden. Und das, nachdem auch dieser entlegene Winkel der Insel wenige Monate zuvor endlich an das Stromnetz und an die Kanalisation angeschlossen worden war.
Der Hof lag abgelegen von der Hauptstraße versteckt hinter einem Hain aus Bergahorn und Ulmen. Schon bei der ersten Besichtigung hatte sie sich in dieses Fleckchen Erde und in das alte, schon etwas verfallene Anwesen verliebt. Ein perfekter Rückzugsort. Niemand sollte wissen, dass sie hier lebte. Das verwitterte Schild der Vorbesitzer an der Straße, von der der Schotterweg zu ihrem Haus abging, hatte sie noch vor ihrem Einzug entfernt. Genau wie den Briefkasten, der in schwedenroter Farbe lackiert auf einem dicken Holzpfosten direkt am Straßenrand gestanden hatte. Für jeden schon von Weitem gut sichtbar. Mit dem Postboten hatte sie ausgemacht, dass sie ihre Post im kleinen Amt in Gudhjem einmal die Woche selbst abholen kommen würde. Und das Telefon, das auf einer kleinen Anrichte im Flur stand, war mehr Zierde als Gebrauchsgegenstand. Ihre Nummer hatte sie sowieso niemandem gegeben. Sie hasste den Kontakt zu Menschen. Sie störten sie nur bei ihrer Arbeit.
Seit jeher war sie eine Einzelgängerin gewesen. Wobei das für die meisten Künstler zutraf, weswegen sich auch niemand wirklich ernsthaft Sorgen um sie gemacht hatte, als sie sich komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte.
Auch das war eigentlich nur die halbe Wahrheit. Denn wenn sie ehrlich war, dann hatte sie mit diesem abgelegenen, alten Bauernhof auf der nordöstlichen Seite der Insel die Hoffnung verbunden, dass die Angst sie nicht finden würde. Dass sie der Angst endlich entfliehen könnte. Doch die Angst ließ sich nicht abschütteln, sie war wie im Gleichnis von Hase und Igel einfach immer schon da und wartete auf sie. Und sie hatte sich sogar noch verstärkt, seit Jette hier eingezogen war.
Hätte sie Kinder gehabt, dann hätte sie sich vielleicht ihnen anvertrauen können. Doch so musste sie mit diesem alles beherrschenden Gefühl ganz alleine fertigwerden. Sich einem Psychologen zu öffnen, in einer Gruppentherapie mit anderen über ihre Angst zu sprechen oder als Atheistin gar zu einem Priester zu gehen, das kam für sie nicht infrage. Es ging die anderen Menschen schlichtweg nichts an, was Jette gerade umtrieb oder wovor sie sich fürchtete. Vor ihrer Angst konnte sie sowieso niemand schützen, also war es auch nicht nötig, einem Außenstehenden davon zu erzählen. Am Ende würde man sie nur für verrückt halten. Dabei reichte es vollkommen aus, dass Jette das schon selbst oft genug tat.

Foto: © Lara Golla

Foto: © Lara Golla

Längst hatte sie sich damit abgefunden, dass die Angst wie ein inoperabler Tumor war, der immer weiter wucherte und sich hemmungslos in ihr ausbreitete. Und die einzige Aufgabe bestand darin, damit so gut es ging umzugehen und irgendwie weiterzuleben. Denn eine Heilung war ausgeschlossen.
Vielleicht muss man die Angst einfach nur als das ansehen, was sie ist, nämlich ein Gefühl, das rational nicht zu erklären ist – nicht mehr und nicht weniger, dachte Jette, während sie ein weiteres Mal an ihrer Tasse nippte. Wie ein ständiger Wegbegleiter. So wie es Tinnitus und Diabetes für andere Menschen waren. Oder wie das Meer, das unter dem Fenster rauschte. Heute war es ruhiger als sonst, denn es sollte wieder ein sonniger und warmer Frühlingstag werden, hatten sie bei P4 gesagt, dem Bornholmer Radiosender.
Und dennoch war die Angst längst mehr als ein vertrauter Weggefährte, der einem nicht mehr von der Seite wich. Die Angst hatte Jette längst alle Schönheit genommen, wie sie ihrem Spiegelbild in der Fensterscheibe entnehmen konnte. Eine Schönheit, für die sie in ihrer Jugend von den Jungs umgarnt und von den Mädchen bewundert, manchmal gar beneidet worden war.
Jetzt sah sie verhärmt aus, andere würden verbittert sagen. Ihre Haut war fahl und matt, was nicht nur daran lag, dass sie weder Gesichtspflege noch Makeup benutzte. Hals und Dekolleté waren gerötet und trocken. Ihr grauer, geflochtener und vom Schlafen zerzauster Zopf hing in ihrem Rücken wie ein verfilztes Schiffstau im Hafen von Gudhjem. Ja, Jette war schon lange nicht mehr die Frau, die sie gewesen war, bevor sie alles hinter sich gelassen hatte.
Sie schrie auf, als das Klingeln des Telefons plötzlich ihre Gedanken durchschnitt, während die Tasse mit einem klirrenden Geräusch auf den Boden krachte und in unzählige Stücke zersprang.
Wer ist das, fragte sie sich, während ihr Herz immer lauter schlug. Sie musste sich an der Fensterbank festhalten, als ihr plötzlich schwindelig wurde und sie meinte, jeden Moment umzukippen. Sie schloss die Augen und versuchte, mit kontrolliertem Ein- und Ausatmen ihren Puls zu beruhigen. Als sie sich nach dem ersten Schreck wieder einigermaßen gefangen hatte, überlegte sie für einen kurzen Moment, zum immer noch klingelnden Telefon zu gehen und den Hörer abzunehmen. Doch das Zittern ihres Körpers hinderte sie daran, auch nur einen Schritt zu tun. Fassungslos
starrte sie das Telefon an, bis das für sie völlig unerwartete und fremde Geräusch nach weiteren zehn Sekunden endgültig verstummte.
Es war das zweite Mal, dass sie angerufen worden war. Bereits gestern und nahezu zur gleichen Uhrzeit hatte sie das Klingeln so sehr erschreckt, dass sie sich beim Zwiebelnschneiden in den Finger geschnitten hatte. Und nun war ihre Lieblingstasse ihrem schreckhaften Verhalten zum Opfer gefallen.
Wer kann nur meine Nummer haben, dachte Jette, die nicht merkte, dass sie mittlerweile inmitten einer grünlich schimmernden Teelache stand. Aber auch das war ihr jetzt völlig egal. Denn das Einzige, was jetzt zählte, war die Frage, wer sie angerufen hatte. Es gab nur einen Menschen, dem sie ihre Nummer gegeben hatte. Er war der Einzige, dem sie von diesem beklemmenden Gefühl, das mit in dieses Haus eingezogen war, erzählt hatte. Und er war auch der Einzige, der sie verstand. Oder es wenigstens versuchte.
Wie immer war es kurz nach 22 Uhr gewesen, als sie ihn gestern angerufen hatte. Er hätte sie dann, so hatten sie es damals vereinbart, zurückrufen sollen. Aber das hatte er nicht getan. Und schon am Tag zuvor war er nicht ans Telefon gegangen.
Sie hatte es anders als sonst länger klingeln lassen und es sogar eine knappe Stunde später erneut probiert. Aber das Klingeln war ins Leere gelaufen. Als wäre die Person unter dieser Nummer einfach nicht mehr zu erreichen.
Jette versuchte, weiter ruhig und gleichmäßig zu atmen, während ihr Körper immer stärker zu frösteln begann. Ja, Jette Jensen hatte Angst. Todesangst sogar.

Foto: © Lara Golla

Foto: © Lara Golla

Jette Jensen fühlte sich beobachtet. Und das nicht erst seit heute. Schon seit Langem hatte sie das Gefühl, jemand sei hinter ihr her, verfolge sie auf Schritt und Tritt und wüsste ganz genau, wann sie was im Ort Gudhjem oder in der Inselhauptstadt Rönne erledigte.
Auch deshalb fuhr sie – wenn überhaupt – nur noch höchstens einmal die Woche und nie am gleichen Tag in die Stadt, parkte beim Nachbarn, um den letzten Kilometer nach Hause zu laufen, und besuchte weder Ausstellungen oder Konzerte noch ein Café oder ein Restaurant. Obwohl sie früher ein so geselliger Mensch gewesen war, der nur selten eine Einladung ausgeschlagen hatte.
Doch seit sie hier auf diesem abgelegenen Hof wohnte, hatte sie sich völlig vom Leben und aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Niemand sollte wissen, wo sie wohnte oder was sie gerade machte. Ja, dass sie überhaupt existierte.
So hatte sie Freundschaften einschlafen lassen, weil sie sich einfach bei niemandem mehr gemeldet hatte. Aufträge waren weggebrochen, weil sie für keinen Geschäftspartner mehr zu erreichen war. Selbst mit ihrem direkten Nachbarn hatte sie kaum ein Wort gewechselt, seitdem sie hier oberhalb der Klippen lebte, nur um sicherzugehen, dass man sie nicht finden würde.
Und das alles nur wegen dieser schier immer größer werdenden Angst, die sie von Tag zu Tag mehr gefangen nahm. Eine Angst, die längst ihr Leben bestimmte und sich immer tiefer in ihre Seele fraß.
Aber heute war aus diesem bisher immer nur äußerst vagen und meist befremdlichen Gefühl eine unumstößliche Gewissheit geworden, die sich fest in ihr Unterbewusstsein gegraben hatte.
Sie war entdeckt worden, trotz bester Tarnung und größtmöglicher Vorsichtsmaßnahmen. Und nun saß sie allein in ihrer abgedunkelten Küche, umgeben von toten, augenlosen Gegenständen. Ausgezehrt, kraftlos und fröstelnd.
Auch jetzt, knapp 90 Minuten, nachdem sie den Hof erreicht und alle Türen und Fenster verbarrikadiert hatte, war sie sich immer noch einhundertprozentig sicher, dass ihr jemand am Morgen zur Post nach Gudhjem gefolgt war und dort im Auto auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf sie gewartet hatte. Sie hatte gesehen, wie sich der Wagen erst dann in Bewegung gesetzt hatte, nachdem sie ihr Auto aus der Parkbucht auf die Straße gelenkt hatte. Ihr Verfolger war ihr dann bis zur Abzweigung nachgefahren, die von der Hauptstraße zum Hof ihres Nachbarn führte. Während sie in den von hohem Gras dicht gesäumten Weg abgebogen war, hatte der andere Wagen seine Geschwindigkeit gedrosselt und war langsam an der Einfahrt vorbeigefahren. Das konnte sie im Rückspiegel beobachten. Sie wusste immer noch nicht, wie sie es danach noch geschafft hatte, ihren Wagen die knapp zwei Kilometer über den holprigen Weg zum benachbarten Anwesen zu manövrieren und ihn dort neben der Scheune abzustellen. Von Angst getrieben war sie dann mit ihren Einkäufen und der Post über den Klippenkamm nach Hause gerannt, ohne sich nur ein einziges Mal umzudrehen.

Foto: © Lara Golla

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Sie war froh gewesen, dass ihr Nachbar nicht zu Hause gewesen war. Auch wenn sie nur selten ein Wort miteinander wechselten, so war er wohl der Einzige, der sie wirklich verstand. Oder der es zumindest versuchte. Ansonsten gab es sicherlich nicht wenige Menschen, die sie für verrückt hielten.
Aber niemand kannte sie und ihre Geschichte wirklich. Was sich hinter den von Wind und Wetter umwitterten Wänden ihres einst weiß getünchten kleinen Fachwerkhauses an der rauen Nordostküste Bornholms abspielte, konnte keiner erahnen. Und wer noch in den alten Bauernhof mit eingezogen war. Vielleicht hätten die Menschen sie dann anders angesehen, wenn sie es gewusst hätten.
So musste sie allein mit dem Ungeheuer fertigwerden, das sich Angst nannte und das wie ein Kind über die Jahre immer größer geworden war. Größer und hungriger. Es war so unersättlich und übermächtig geworden, dass Jette es nicht einmal mehr schaffte, der Glasbläserei nachzugehen.
Dabei liebte sie ihre Kunst, wenn sich Quarzsand, Pottasche und Kalk in ihrem kleinen Ofen zu einer weichen und kochendheißen Masse vermischten, um von ihr zu den außergewöhnlichsten Glasformen geblasen zu werden. Doch die kleine Werkstatt, in der der vorherige Besitzer seine Fische geräuchert hatte und die sie nur liebevoll ihr Paradies nannte, war schon lange nicht mehr von ihr betreten worden. Auch hier hatte die Angst ganze Arbeit bei ihr geleistet.
Dabei war die alte Räucherkammer der Hauptgrund gewesen, warum sie das Anwesen damals überhaupt gekauft hatte. Die Werkstatt war ihr Rückzugsort. Hier war sie frei und konnte das tun, was sie so sehr liebte. Einfach eins sein mit den Materialien, die ihr die Natur schenkte und aus denen sie – mit ein wenig industrieller Unterstützung – die schönsten Formen erzeugen konnte. Glas in seiner reinsten und puristischsten Schönheit.
Doch der Anruf ihres Bruders vor einem Jahr hatte alles verändert. Es war ein Dienstag im Mai gewesen, daran erinnerte sie sich auch heute noch ganz genau, und ihr Bruder hatte damals aufgeregt geklungen und nervös.
Eine lautes Geräusch riss sie aus ihren Erinnerungen und ließ sie zusammenfahren. Aufbrausende Windböen von der Ostsee fegten über ihr Anwesen hinweg und spielten wie kleine Kinder ausgelassen und schreiend Fangen.
Noch ist es nicht zu spät, dachte sie und erhob sich langsam von ihrem Stuhl, der krächzend über die ausgetretenen Küchenfliesen rutschte. Sie musste ihren Bruder erreichen. Unbedingt! Er war der Einzige, der noch alles aufhalten konnte.
Schwerfällig tappte sie von der Küche in den kleinen Flur hinüber, in dem auf einer schmalen Anrichte mit integrierter Bank ihr Telefon stand. Sie wollte gerade den Hörer von der Gabel nehmen und seine Nummer wählen, als ihr Blick auf die Post fiel, die sie vom kleinen Amt in Gudhjem mitgebracht hatte. Zwischen den Rechnungen, der ganzen Werbung und den Katalogen von Einrichtungshäusern war ein braunes, etwas dickeres Kuvert herausgerutscht.
Mit zittrigen Händen zog sie den Umschlag hervor. Als sie links oben las, wer der Absender war, wusste sie genau, was sich in diesem Kuvert befand. Am liebsten hätte sie das kleine Päckchen fallen gelassen und wäre schnell davongelaufen. Doch es hätte nichts genützt.
Langsam fuhr sie mit dem Zeigefinger die Umrisse des Inhalts ab. Das Kuvert und vor allem sein Inhalt waren der finale und unauslöschbare Beweis, dass sie damals eine falsche Entscheidung getroffen hatte. Zum zweiten Mal in ihrem Leben. Und beim ersten Mal hatte dafür jemand mit seinem Leben bezahlt.

Foto: © Lara Golla

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Sie wusste, sie war nicht mehr allein. Das galt nicht für ihr Haus, ihre Festung. Hier war sie geschützt. Nein, das Böse lauerte draußen auf sie in der dunklen, finsteren Nacht, die sich sanft, aber allmächtig über die Insel Bornholm gelegt hatte.
Der Wind hatte zugenommen. Er blies landwärts, mit heftigen Sturmböen von der Ostsee, die jetzt schwarz unter den Klippen lag. Es war bereits weit nach Mitternacht, und sie konnte immer noch nicht einschlafen.
Die Fensterläden klapperten gespenstisch, der Wind jaulte im alten Schornstein, und irgendwo schepperte etwas Metallisches, als würde eine vom Sturm umgestoßene Gießkanne über den Vorhof getrieben werden. Es waren Laute, die sie kannte, an die sie sich längst gewöhnt hatte, und doch klangen die Geräusche heute anders. Lauter, penetranter, bedrohlicher. Als wüssten sie, dass sie bald nicht mehr gehört werden würden.
Die Tür der Werkstatt knarzte und schlug immer wieder mit voller Wucht gegen das schwere Eisenschloss. Dabei war sie sich sicher gewesen, die Tür vor Tagen schon fest verriegelt zu haben. Sie hatte Angst, der Wind würde wüten und ihre feinen und zerbrechlichen Glasformen zerspringen lassen. Und anders als bei Porzellan brachten Glasscherben kein Glück. Denn Gläser hatten Seelen, und man konnte sie weinen hören, wenn man seinen Finger anfeuchtete und dann mit der Kuppe über den Glasrand fuhr.
Auch wenn ihr Bauch etwas anderes sagte, sie musste nach draußen und nachsehen. Oder zumindest die Tür fest verschließen, wollte sie nicht morgen von einem bösen Scherbenhaufen überrascht werden, wenn eine Böe doch mehr zerstört hatte, als sie hoffte.
Sie konnte jemanden anrufen und um Hilfe bitten. Aber sie würde sich mit einem solchen Anruf absolut lächerlich machen, wenn ihr Nachbar extra den unbeleuchteten Klippenkamm hergelaufen käme, um für sie die Tür zu verriegeln. Am Ende würde er noch in die Ostsee stürzen, und sie wäre schuld, dass jemand ihretwegen hatte sterben müssen. Zum zweiten Mal.
Vorsichtig schloss sie die Haustür auf, an die sie gleich drei Schlösser hatte anbringen lassen.
Vor dem Haus war alles dunkel. Sie hatte schon vor Monaten die Glühbirnen aus der Fassung der Lampe neben der Haustür und aus der an der Werkstatt herausgedreht. Niemand sollte sie sehen. Nur jetzt hatte sie eben auch Mühe, ihre Umgebung zu erfassen.
Die dicken Wolken hatten den Mond zugeklebt, als erlaubten sie ihm nicht, die Erde betrachten zu dürfen. Nur langsam gewöhnten sich ihre Augen an das alles verschluckende Schwarz um sie herum. Schwach schimmerte der weiße Kies im Hof. Auch die weißen Wände ihres Fachwerkhauses hoben sich nur unmerklich von der Umgebung ab. Aber so langsam konnte sie alles erkennen. Die Bäume des kleinen Hains, in deren Blättern der immer noch kühle und teilweise stramme Ostwind rauschte. Den Klippenkamm, der sie zum Hof ihres Nachbarn führte und auf dem die Gräser und Wildkräuter jetzt ordentlich durchgekämmt wurden. Die alte Räucherkammer, die sie zu ihrer Werkstatt umgebaut hatte.
Auch jetzt wieder schlug die Tür bei jeder aufkommenden Windböe gegen den alten Holzrahmen und das schwere Eisenschloss.
Ich muss nur rüberlaufen, die Tür verschließen und wieder zum Haus spurten, ging sie in Gedanken den Ablauf ihrer nächtlichen Rettungsaktion durch. Sie erschrak, als der Wind plötzlich ein klirrendes Geräusch aus der Werkstatt zu ihr herübertrug.

Foto: © Lara Golla

Foto: © Lara Golla

Nein, bitte nicht meine Rohlinge, flehte sie gen Himmel, obwohl sie ahnte, welche filigranen Gläser da gerade zu Bruch gegangen sein mussten. Es war ihre letzte Arbeit, bevor die Angst sie zur Untätigkeit gelähmt und ihr jegliche Kreativität geraubt hatte. Es war ihr aktueller Auftrag, der schon seit gut einem Jahr ruhte, auch wenn sie sich an den weniger ängstlichen Tagen stets vornahm, ihn endlich zu vollenden.
Vielleicht kann ich meine Idee und die noch existierenden Rohlinge verkaufen, dachte Jette, und zum ersten Mal seit langer Zeit erfüllte sie ein gewisser Tatendrang. Denn wenn sie auch unentwegt Angst um ihr Leben hatte, die Angst um ihre geliebte Kunst war noch ein bisschen größer.
Sie zählte bis drei, dann huschte sie an der Wand vorbei bis zur Häuserecke. Sie schaute sich ein letztes Mal nach links und rechts um, doch niemand war zu sehen. Gleich hab ich’s geschafft, sprach sie sich Mut zu, dann lief sie das letzte kurze Stück zur Werkstatt hinüber. Mit wenigen Handgriffen hatte sie die Tür wieder verschlossen. Sie traute sich nicht, in die Werkstatt zu gehen und nach dem Rechten zu sehen.
Das kann ich immer noch am Tag machen, wenn sich der Wind etwas beruhigt hat und es wieder hell ist. Die zerbrochenen Gläser muss ich sowieso neu anfertigen, dachte sie und verschloss die letzte Hängevorrichtung. Komisch, ich habe die Tür doch fest verschlossen, und der Schlüssel hing in meiner Küche, grübelte sie, und sie fragte sich, ob sie wirklich schon unter Wahnvorstellungen oder einfach nur unter einer altersbedingten Schusseligkeit litt, als sie plötzlich hörte, wie der Kies hinter ihr knirschte und ein Schatten in ihren Augenwinkeln auftauchte.
Und da wusste Jette, dass es ein tödlicher Fehler gewesen war, nicht auf ihr Bauchgefühl gehört zu haben.

Der Autor Jörg Böhm

Foto: © Beate Zoellner

Zum Autor: Jörg Böhm war u. a. Chef vom Dienst der Allgemeinen Zeitung in Windhoek. Neben dem 1. Kreuzfahrtkrimi „Moffenkind“, den er in Kooperation mit AIDA Cruises und für die AIDAprima und deren Metropolenroute geschrieben hat, sind vier Krimis um die dänisch-stämmige Kriminalhauptkommissarin Emma Hansen erschienen. Als bester Nachwuchsautor erhielt er für seinen Krimi „Und nie sollst du vergessen sein“ den Krimi-Award „Black Hat“.